Andreas Heusler - Altgermanische Sittenlehre und Lebensweisheiten

Andreas Heusler - Altgermanische Sittenlehre und Lebensweisheiten

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Heidnische Ideale Schwur der Germane vor dem Taufbecken "dem Teufel und allem Teufelsopfer" ab, d. h. den alten Göttern und ihrem Dienste -: damit hätte er sein Gut und Böse noch nicht verleugnet;...
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Produktinformationen "Andreas Heusler - Altgermanische Sittenlehre und Lebensweisheiten"

Heidnische Ideale Schwur der Germane vor dem Taufbecken "dem Teufel und allem Teufelsopfer" ab, d. h. den alten Göttern und ihrem Dienste -: damit hätte er sein Gut und Böse noch nicht verleugnet; eben weil diese heidnische Sittlichkeit so wenig im Jenseitsglauben wurzelte. Doch kamen ja mit dem neuen Gott und dem neuen Teufel auch neue Sittengebote. Es waren nicht die des Urchristentums; sonst hätte der Täufling geradezu in eine neue Haut fahren müssen. Was man ihm predigte, war eine stark verwandelte Jesuslehre, dem Weltlauf angepaßt, einerseits ihrer schroffen Unbedingtheit entkleidet, anderseits mit Formendienst und Werkfrömmigkeit beschwert.
Wie der Germane in diese Sittlichkeit hineinwuchs; welche Brechungen und Mischungen sich da ergaben, hat die Historie zu untersuchen. Uns genüge ein Ausblick, welche Seiten an der altgermanischen Sittenlehre vor anderen das Unchristliche, den Gegensatz zu den Idealen der Kirche bezeichnen.
Es wird zum Teil ein Rückblick sein; da und dort tragen wir in die früher gezogenen Linien eine Ergänzung ein. Hier, wie überall, wo es auf das Intimere ankommt, sind die isländischen Zeugnisse unsere Führer.
In dieser Kriegerethik schätzt man bis zur Einseitigkeit die harten Eigenschaften am Menschen. Härte gegen sich selbst wie gegen Freund und Feind. Also auch keine Kreuzträgerei, kein Mitleiden und kein böses Gewissen!
Altdeutsche Männernamen wie Steinhart, Stahelhart enthalten ein Wunschbild; wir wissen, ein nicht immer verwirklichtes! Bei Süd- und Nordgermanen finden wir das Wort "einhart": zunächst "eigenwillig, unbeugsam", dann auch soviel wie "zuverlässig, ehrenhaft"; bezeichnend, daß der Messiasdichter es umwertet zum Ausdruck für die verstockten Hohepriester!
Diese erstrebte "Einhärte" schließt innern Kampf nicht aus, vorübergehende Spaltung des geschlossenen Ich: schon alte Heldenstoffe stellen Widerstreit der Pflichten oder Neigungen ins Licht. Auch Reue über den eigenen Schritt konnte schon in heidnischen Herzen keimen, mochte man nun den bösen Rat eines Dritten anklagen oder die Reizung durch die geheimnisvollen Schicksalsmächte.
Wille und Tat, das verlangt man vom Manne. Das Wehrhafte und Trotzige gilt höher als das Nachgiebige und Versöhnliche. Denn in dieser Welt der Selbsthilfe und der Unsicherheit ist das erste, daß einer sich und die Seinen schützen kann; und wer handfest zu schützen weiß, hat leicht auch Herz und Faust zum Angriff.
"Man sah bald, daß er ehrgeizig war, hart und ein Hasser": lesen wir dies von einem Knaben, so wissen wir schon: das ist als Lob gemeint, das verspricht einen Helden.
Die Beiworte "gütig, umgänglich, verträglich" haben guten Klang - wenn zur rechten Zeit die Härte da ist und außer Zweifel steht! Friedensliebe ziert den Tapfern; sie ist verächtlich, wo sie den Kampfmut ersetzt; wo man sie als Schwäche deuten kann. Über die Staatsbürgertugenden der Ordnungsliebe und Gerechtigkeit ragt hoch hinaus das Ehrgefühl; wir lernten es kennen als die wahre Triebkraft in Fehde und Frieden. Es ist von erstaunlicher Reizbarkeit; man sagt sich: diese Männer müssen Tag und Nacht über dem zerbrechlichen Gut ihrer Ehre wachen! Ihr Ehrgebot ist ihr Zwingherr.
Im tiefsten unchristlich ist ferner: daß man sich offen und freudig bekennt zum Stolz und zum Machttrieb. Wer das Zeug dazu hat, soll der Erste in seiner Landschaft sein wollen. Das "Wer sich selbst erniedrigt ..." fände in diesen Herzen keinen Widerhall. Dem Willen zur Macht gehört die Zuneigung des Erzählers und seiner Hörer. Sie verstehn und billigen es, daß ein Herrenhafter nie und nirgends gewillt ist, "seine Sache (sein Recht) fahren zu lassen"; auch ein friedliebender, nicht herrschsüchtiger Jarlserbe läßt es eher auf Zwist mit dem Bruder ankommen, als daß er seinen Reichsanteil beschnitte.
Mit Mitgefühl folgt man dem Selbstbewußten, den das Schicksal beugt. Etwas Neues ist in den christlichen Geschichten der Blick der Genugtuung, der den Sturz des Mächtigen trifft. Soweit in den Sagas Voreingenommenheit und Schadenfreude besteht, richtet sie sich weit weniger gegen den Gewalthaber und Unterdrücker als den Duckmäuser und Leisetreter. Auch gegen den Emporkömmling. Denn der Adelsstolz wirkt auch hier auf das Urteil ein; der Wohlgeborene darf sich mehr erlauben, man traut ihm besseres zu.
Die altnordische Sprache kennt das kaum übersetzbare Wort "Mikil-menni". Sein Sprachsinn ist "Großmann, Mann von großer Art". Das Wort kann auf das gesellschaftliche Ansehen gehn, auf Einfluß und Bedeutung im allgemeinen. Zuweilen verstärkt sich sein ethischer Beiklang, und wir können ungefähr mit "Herrenmensch" übersetzen; der Großzügige im Machtwillen wie im Schenken und Helfen. Ihm steht das "Litilmenni" gegenüber: der "Lützelmann", der Mann kleinen Zuschnitts; dem vor jedwedem bangt und den die Gabe reut, wie wir es bei dem Sittendichter lasen (Abschnitt 5); der "Spießbürger" in dieser waffentragenden Landwirtsgesellschaft.
In der Art, wie man das "Mikilmenni" und das "Litilmenni" einschätzt, zeigt sich so recht die Umwertung unterm neuen Glauben. Um die neue Tugend der Demut germanisch zu benennen, mußte man zu Wortstämmen greifen, die den Niedrigen oder den Knecht meinten; Demut war in der Tat, nach der altern Anschauung, Knechtsgesinnung. Das offene Bekenntnis zum Herrenmenschen fließt aus einem Lebensstil, der nicht nur Krieger-, sondern auch Herrenmoral heißen darf. Es ist ewig schade, daß Nietzsche, der Verkünder dieser Wertung, die Isländersagas nicht kannte! Diese erdenfesten Urkunden hätten seinem mehr aus Sehnsucht als aus Anschauung geborenen Bilde Blut einflößen können.
Das "Liebe deinen Nächsten" oder in kühlerer Fassung: "Schade keinem, vielmehr hilf jedem, so gut du kannst" lag nicht im Bereich des heidnischen Fühlens. Statt der allgemeinen Menschenpflichten herrschte die große Zweiteilung in Freunde und Unfreunde. Dem Außenstehenden kann man mit Gutmütigkeit begegnen und nach den Umständen sogar hochherzig; ein paar Sagastellen bezeichnen es als Glücksstern eines Mannes, daß er Fremde aus Seenot retten konnte.
Freunde waren die geborenen und geschworenen Zugehörigen (Abschnitt 4); die, denen man vertraute, auf deren "Frieden" man zählte, auf deren Hilfe man hoffte. Hingabe verlangt man nur im Lager der Freunde. Hier aber übt man sie mit einer Selbstverständlichkeit und Großzügigkeit, die in Staunen setzt. Es ist da vor allem an die Fehde zu denken. Das Zusammenhalten der Partei, in Angriff und Abwehr, bedeutet jedem einzelnen selten weniger als den Einsatz der Habe und Heimat, der Gesundheit und des Lebens; oft genug zugunsten eines Menschen oder einer Sache, die den Helfer kühl ließen. Die Opfer, die man da bringt, sind so groß, wie kein Gesetz allgemeiner Nächstenliebe sie abverlangt. Wieder handelt man da mehr unter dem Antrieb des Ehrgefühls als dem der Herzensneigung: wer nicht hilft, wo mans ihm auf die Seele bindet, kann einbüßen an seinem Häuptlingsansehen oder seinem Waffenruhm oder gar den Namen des Neidings zu hören bekommen. Begriffe wie Selbstlosigkeit und Aufopferung handhabt man da nicht; in der Partei waltet etwas wie der Gemeingeist der Truppe an der Front.
Das Kehrbild ist die Stellung zu den "Unfreunden". Ohne solche kommt wohl keiner durchs Leben, der Herrenmensch schon gar nicht. "Gut gegen seine Freunde, haßvoll gegen seine Feinde": diese Formel wendet man nicht etwa auf jeden Ehrenmann an, sie bezeichnet gewisse härtere Machthaber; doch steckt Bewunderung in ihr.
Man darf hassen und sich zum Hasse bekennen. Wir sahen, wie Rache etwas Heiliges ist und Verzeihen unter Umständen todeswürdig. Dennoch, daß man hassen müsse, träfe nebens Ziel; das ungeschriebene Gesetz lautet vielmehr: Vergib dir nichts gegen deinen Feind!
Du magst dich mit ihm vertragen - wenn jeder dir zutraut, daß du Manns genug wärest, den ändern Weg zu gehn! Je mächtiger du bist, um so eher kannst du einer versöhnlichen Regung folgen und das Herrengefühl der Großmut kosten. Eine Versöhnung, die dich ehrt, ist gut. Nur kein Nachgeben aus Furcht, nur kein Zeichen der Schwäche!
Als einen isländischen Herrn der Schneesturm zwingt, bei seinem Prozeßgegner, dem Skalden Björn, einzukehren, da ist Björn zwar zu aller Gastfreiheit gewillt, aber bis zum ersten Morgen verhält er sich karg, ja kränkend, denn - wie er nachher selbst erklärt - die Gegner sollen nicht sagen können, er habe sich die Versöhnung erschmeicheln wollen! (Thule9,120 ff.).
Endlich noch eine Seite, die mit behutsamer Hand angefaßt sein will!
Ein Unterschied der heidnisch-germanischen Sittlichkeit von der jüdisch-christlichen liegt sicher darin: welchen Rang man überhaupt dem "Gut und Böse", den sittlichen Lust- und Unlustgefühlen, einräumt; und damit zusammenhängend: wie scharf man den Strich zieht zwischen ethischer und andersartiger Wertschätzung.
Es ist kaum zu bezweifeln, ein so feierliches, einseitiges Betonen der sittlichen Gegend, wie wir es von Palästina gelernt haben, setzt starke religiöse Unterbauung des Gut und Böse voraus und noch andere Bedingungen, die auf die alten Germanen so wenig zutrafen wie auf die alten Griechen. Wie bei diesen, so hat man in der Saga den Eindruck, auch bei fraglosen Stützen der Gesellschaft, daß zeitenweis die sittliche Rücksicht einfach aussetzt, und zwar ohne daß es die Umwelt oder den Hörer befremdete. Die Waage von Lust und Unlust bewegt sich oft nach dem "Mannesunterschied", nach außersittlichen Vorzügen der Beteiligten, wo eine radikalere Denkart mit gleichem Gewichte wöge. So haben denn einige frischweg verallgemeinert zu Sätzen wie: "Diese Leute fragten überhaupt nicht so sehr den moralischen Eigenschaften nach" oder "Dem Helden war alles erlaubt".
Damit erliegt man doch wohl einer Verwechslung; man unterscheidet nicht, ob die sittliche Gegenwirkung überhaupt schwach ist, oder ob der uns geläufigen Sittlichkeit eine andere den Weg verstellt.
Die neuere Staatsbürgersittlichkeit mit dem Einschlag von Bergpredigt liegt, wir betonten es, von der germanischen Krieger- und Herrenethik besonders weit ab; mit einem Maßstab zu messen, geht hier am wenigsten an. Was aber nach germanischem Maßstab als gut galt, das Ehrgefühl mit seinen Ausstrahlungen: kann man eigentlich sagen, daß man dem wenig nachfragte? Wer ein paar Fehdegeschichten gelesen und die erste Gänsehaut überwunden hat, wird wohl eher zu dem Schlüsse kommen: daß die Kriegerehre eine strenge Herrin war, kaum weniger anspruchsvoll als eine Klosterregel. Und wenn dem Helden viel erlaubt ist, so doch nicht das Unheldische! Versagt er in Wagemut, Selbstbeherrschung, Hilfsbereitschaft, in Rache und Treue, dann brandmarkt es ihn stärker als den "Kleinmann". Das Herrentum ist nicht nur ein Vorrecht; es verpflichtet auch.
Oft sieht es so aus, als unterliege das sittlich Gute dem Nützlichen und Selbstischen, während in Wirklichkeit zwei ethische Forderungen im Wettkampf stehn. Ein wiederkehrender Fall: das Sippenhaupt verurteilt die Gewalttat seines Angehörigen, und doch gibt es ihn nicht preis dem Recht zuliebe: es greift zur Waffe für ihn. Da steht Schutzpflicht gegen Rechtssinn. Andere Male steht Racheverlangen gegen Verträglichkeit; Heldensinn gegen Friedensliebe.
Diese Kräfte setzen sich im Leben recht wechselnd auseinander; es geht nicht nach der Richtschnur! Wo sich aber das schroffe Entweder-oder erhebt, da wird sich der Herrenmensch für die persönlicheren Antriebe entscheiden. Eigene Größe und Unbescholtenheit, die Bande der Sippe und Freundschaft, diese persönlichen Mächte ordnen sich über den unpersönlicheren, gedanklichen: der Gerechtigkeit und Wahrheit, dem Frieden, auch dem Gemeinde- und Staatsgefühl.
Denn jene persönlichen Mächte sind stärker vom Ehrgefühl betont, und das Ehrgefühlstellt die Stufenleiter der sittlichen Werte her. Gerechtigkeits- und Friedensliebe sind Tugenden, die man lobt, aber Tugenden zweiter Ordnung: es war "kleiner Leute Art", dem Rechte die eigene Ehre oder den Freund zu opfern, dem Frieden zuliebe eine Kränkung einzustecken.
Da zeigt sich uns noch einmal die Kluft, die den heidnischen Germanen von dem christlichen Staatsbürger trennt.

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